Dieses Dossier ist in sechs Teile gegliedert:

  1. Aktuelle Gesamtlage zu Open Banking APIs in der Schweiz
  2. Erklärung des Ursprungs aus der EU
  3. Initianten-Gremien in der Schweiz
  4. Chronologie der ersten Open-Banking-Projekten in der Schweiz
  5. Rechtliche Situation
  6. Schwierigkeiten betreffend Open-Banking

Aktuelle Gesamtlage

Die Schweiz ist bekannt für ihren Meinungs-Pluralismus. Das ist auch beim Thema API nicht anders. Da gibt verschiedene, zueinander im Wettbewerb stehende Kräfte, die verschiedene Ziele verfolgen. So fasst noch im Februar 2021 Finnova-CEO Hendrik Lang zusammen: “Beim Open Banking existiert hierzulande nicht einmal eine Standard-API.” Zur gleichen Zeit hat Marianne Wildi, CEO der Hypi Lenzburg, aufgrund ihrer Open-Banking-Stärke durch das Kernbankensystem Finstar einen anderen Blickwinkel auf das Thema: “In der Schweiz sind wir der EU längst voraus: Wir arbeiten daran, Schnittstellen zu Depots zur Verfügung zu stellen oder für Hypotheken.”

Rückblende zu 2018: Die Akteure am Schweizer Finanzplatz haben anfangs mit der Umsetzung von Open Banking Standards abgewartet, diese aber rechtlich ausgeleuchtet und diskutiert. Dies ermöglicht dem Finanzplatz Schweiz auf bewährte Lösungen aus Europa zurückzugreifen, ohne deren Kinderkrankheiten und erstrangigen Konflikte zwischen den Parteien (Banken – Fintech) auch durchleben zu müssen.

Auch in der Schweiz gibt es betreffend API-Standards Zögerer (Bankiervereinigung 2017) und Progressive (z.B. HBL). Dabei lassen sich auch weitere Lager ausmachen: Die Grossbanken (vorerst nur APIs für Firmen) und Fintech-nahen Technologie-Unternehmen (APIs für Private und Firmen). Ebenfalls vertreten SIX und Swisscom zwei verschiedene Lösungs- und Zeitpläne. Kommt hinzu, dass das Open Banking in der Schweiz nicht wirklich “open” ist, da ja immer die Bank entscheidet, für wen sie ihre Schnittstellen öffnet – dies im Gegensatz zum EU-Bereich.

Verschiedenen API-Schnittstellen bei den Banken treffen vor allem die neuen Drittparteien (Fintechs), die sich zwischen Banken und Endnutzer platzieren oder über die Bank zu den Endkunden gelangen. Diese Drittparteien müssen für ihre APIs (welche auch einheitlich sein sollten, aber wenn es noch keinen Standard gibt, ist das schwer zu bestimmen) verschiedene Adaptoren an die verschiedenen API-Schnittstellen der bestehenden Banken bauen, was die Kosten der Fintechs erhöht. Verschiedene API-Standards machen auch Multibanking-Projekt aufwendiger.

Ein zügiges Aufarbeiten dieser API-Standards hilft der Schweiz dabei, die Rücklichter des Open-Banking-Champions UK nicht ganz aus den Augen zu verlieren und modernste Banking-Serivces von Fintech auch in der Schweiz einfach zu den Nutzern zu bringen (siehe z.B. Neon App, Sonnect und Finstar, November 2018).

Ursprung in der EU

Mit der Open Banking Regulierung (UK) und der PSD2 (Payment Services Directive 2) in der EU müssen Banken ab 2018 ihre Systeme für Drittanbieter öffnen und Schnittstellen zur Verfügung stellen, zum Beispiel zur Auslösung von Bezahlvorgängen oder dem Abruf von Kontoinformationen. Auf welche Weise sich Drittanbieter technisch mit den Banken verbinden bzw. kommunizieren, lassen diese Regulierungen jedoch offen.

Seit 2004: The Berlin Group – a European Standards Initiative (26 Teilnehmer aus 10 Ländern – Berlin-Gruppe, weil sie sich dort zum ersten Mal getroffen haben). Im April 2018 wurde das Berlin Group NextGenPSD2 API Framework fertiggestellt. Dieses Framework ist eine intelligente Referenz für die Schweizer Arbeitsgruppen. Informative Zusammenfassungen und Meinungen dazu:
Wie die Schweiz die besten API Standards bauen kann (Hakan Eroglu, April 2018)
Open Banking: als Regionalbank in einem Ökosystem wachsen und gedeihen (NZZ, Mai 2019)
Sieben Thesen zu Open Banking von Six (Sven Siat, Juni 2020)

Initianten-Gremien in der Schweiz und ihre Aktivitäten

  • Seit Februar 2019 wurde openbankingproject.ch gegründet als  Initiative zur Förderung der Open-Banking-Kultur in der Schweiz. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Avaloq, DXC Technology, Ergon, Finnova, Hypothekarbank Lenzburg, Universität Bern und das Business Engineering Institute St. Gallen. Als ersten API-Standard für die Schweiz lanciert das Open Banking Project im Dezember 2019 die “Swiss NextGen API” für den Abruf von Kontoinformationen und für die Initiierung von Zahlungsaufträgen gemäss den in der Schweiz gültigen Spezifikationen. Ab Januar 2020 ist das Entwicklerportal von obp.ch verfügbar: FinTechs und Entwickler von Finanz-Apps erhalten freien Zugang für Tests mit ihren Open-Banking-Lösungen. Ab Februar 2021 sind Templates für einen API-Lizenzvertrag verfügbar. Aktuelle Tendenzen zeigen, dass in der Schweiz mehrheitlich dieser API-Standard verfolgt wird.
  • Seit 2019: Swiss Corporate API, die API-Plattform für Firmen. Mitinitianten für Pilot: Six, UBS, Credit Suisse, ZKB, Raiffeisen (nur Vorphase), Valiant (nur Vorphase)
  • Seit Juni 2020: OpenWealth API-Standards. Arbeitsgruppe bestehend aus Synpulse, St. Galler Kantonalbank, SIX und sieben Herstellern von Portfolio-Management-Systemen. St Galler Kantonalbank möchte als erste Bank das OpenWealth API anwenden. Am 18.02.2021 wurde die API-Standardisierungsinitiative in den Verein Openwealth Association überführt. Gründungsmitglieder: St.Galler Kantonalbank, Zürcher Kantonalbank, SIX Group, Assetmax und Alphasys. Geschäftsführung des Vereins: Synpulse Management Consulting.

Chronologie der umgesetzten Open Banking Projekte in der Schweiz

Die folgende Liste ist (noch) keine vollständige Aufzählung. Ergänzungen bitte an mhaenni at hotmail.com melden.

  • Seit November 2018: Finnova Open Plattform. Die grosse Mehrheit der Schweizer Banken, welche ihr Core Banking von Finnova beziehen, haben noch keine API-Initiative öffentlich bekannt gegeben, Stand Dezember 2020. Auch erwähnt Finnova-CEO Hendrik Lang in einer Zwischenbilanz zum Finnova-Geschäftsjahr 2020 zwar Investitionen in Open Banking, gibt aber keine Hinweise auf laufende API-Projekte.
  • November 2019: Multibanking von Valiant (zusammen mit Contovista, Crealogix und Swisscom)
  • Mai 2020: Marktlaunch von b.Link von Six, die API-Plattform für Firmen, vormals Swiss Corporate API genannt. Erste Umsetzungen: Zugriff auf Bankkonten-Daten; in Planung sind: Einlieferung von Zahlungsaufträgen, Zugriff auf Buchhaltungsdaten, die Abfrage von Bilanzdaten via die Bank und die Benachrichtigung von Unternehmen untereinander.
    Im Januar 2021 ist die ZKB der Plattform beigetreten. Ebenfalls wurde im Januar 2021 drei APIs der OpenWealth Association auf b.Link veröffentlicht. Sven Siat, Head Connectivity, ist bei Six zuständig für b.Link.
Die Sicht von Six auf das Thema API (2019)
  • Neben den Herstellern von Kernbankensystemen sind auch weitere Software-Dienstleister an der Erstellung von Bank-Portalen, Frontends und Ecosystemen im Zusammenhang mit Open Banking in der Schweiz tätig: z.B. Crealogix, ti&m, Inventx, Aixigo.
Coopetition forces platforms into ecosystems (Jan 2021):
The platforms created by businesses are increasingly only a starting point

Die rechtliche Situation

Januar 2021: Die EU-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, die sogenannte PSD2 Zahlungsdienstleister-Richtlinie (Payment Services Directive 2) umzusetzen. Durch PSD2 soll im EU-Raum der Zahlungsverkehr auch für Nicht-Banken (Drittparteien, oftmals auch Third Party Provider (TPP) genannt) geöffnet werden, wodurch Innovationen und Wettbewerb gefördert werden sollen. Auf Wunsch des jeweiligen Kontoinhabers werden dabei Finanzinstitute verpflichtet, via APIs (Application Programming Interfaces), Zugänge respektive Schnittstellen für Drittparteien (TPPs) zu schaffen, damit diese am Zahlungsverkehr der Banken teilnehmen können. (Quelle)

Anders als im europäischen PSD2-Umfeld ist diese Situation für die Schweiz nicht reguliert. Entsprechend gibt es hierzulande keine Verpflichtung für die Finanzinstitute, Schnittstellen bereitzustellen. Positiv formuliert könnte man auch sagen, dass die Finanzinstitute und verschiedenen Drittanbieter hierzulande die Bedingungen für Open Banking (noch) selber gestalten und aktiv mithelfen können, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Herausforderung besteht darin, eine Lösung zu entwickeln, die den gesamten Finanzplatz Schweiz stärkt und die Zusammenarbeit zwischen Finanzinstituten und Drittanbietern effizient gestaltet.

Schwierigkeiten

  • Die fehlende Standardisierung von Schnittstellen verunmöglicht einige interessante Mehrwertdienste für die Endkunden und erhöht den Aufwand für alle Teilnehmer im Ökosystem.
  • Die Definition der Überprüfung von Drittparteien sowie die Zulassungsprüfung der einzelnen Drittparteien erfordert teilweise einen hohen personellen Ressourceneinsatz.
  • Die Ausarbeitung von Vertragswerken mit allen Drittparteien ist zeitaufwändig und führt oft zu Verzögerungen in der Anbindung der entsprechenden Lösung.

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